Poetischer Tribut für Sri Chinmoy

Michael Howards poetischer Tribut für Sri Chinmoy, 16. Oktober 2007

Opfer

An einem geheimen, einsamen Ort
Offenbarten sich ihm alle Dinge.
Er wurde zu einem schönen, reinen Kind
Und zugleich zu einem Löwen der Wahrheit.
Aber die Welt hört nicht auf
Kinder und Löwen.

Der Höchste sagte zu ihm:
Die Welt kennt diese nackte Wahrheit nicht.
Du musst sie verschlüsseln
In die Sprache der Welt.
Mit einem Kinderherz unschuldiger Freude
Mit dem Löwenherz eines Welterlösers
Wirst du Meine Botschaft weitertragen.
Manchmal wirst du eine Trommel schlagen,
Manchmal wirst du ein Bild malen,
Ein Lied singen oder ein Rennen laufen -
Wie eine Marionette, die am Seil tanzt -
In allen Dingen wirst du Mein Instrument sein.

Solange du auf der Erde bist
Werden dich einige wenige wertschätzen,
Mit dir tanzen, mit dir weinen.
Viele werden dir misstrauen, dich kritisieren,
Dich völlig missverstehen.
Sie werden kommen und mentale Gelehrsamkeit erwarten
Und verwirrt sein, eine Quelle von Freude zu finden.

Die Welt wird dich
Einen Dummkopf und einen Scharlatan nennen,
Aber die Geschichte wird zeigen -
Du warst Mein Löwe der Wahrheit,
Mein Bulle der Sicherheit,
Mein Reh der Geschwindigkeit,
Mein Kind der Verwirklichung,
Meine Jugend der Offenbarung,
Mein Leben der Manifestation,
Mein niemals endendes Opfer.


So beginnt mein poetischer Tribut für Sri Chinmoy. Ich weiß, dass er innerlich, spirituell bei uns ist. Ich weiß, dass wo immer sich Menschen in seinem Namen begegnen, wird auch sein Bewusstsein sein.

Nach ein paar Tagen habe ich keine Angst mehr, zu glauben, dass er gegangen sein könnte, dass ich vielleicht in mein Herz schaue und nur eine leere Seite finde. Er ist dort! Er ist dort, so schaue einfach in dein Herz und trauere nicht.

Aber ich vermisse seine physische Anwesenheit. Ich vermisse, dass es einen physischen Ort gab in Queens, New York, den ich mit der U-Bahn erreichen konnte. Es gab so viele Dinge, die ich noch mit ihm auf der menschlichen Ebene teilen wollte (die Ebene, auf der ich mich die meiste Zeit festgefahren fühle). Da ist die Kassette mit der chinesischen Musik, die ich ihm senden wollte und die CD "Best of Bach." Da ist das Video über die mutige Sherpa-Frau aus Nepal, die den Mount Everest bestiegen hat. (Ich weiß, es hätte ihm gefallen). Da ist in Wahrheit eine ganze Welt von Hoffnungen, Plänen und Träumen, die von seiner äußeren Anwesenheit abhängig war. Indem ich ihm nachtrauere, frage ich mich, ob ich nicht um meiner selbst willen trauere.

Manchmal fühle ich mich okay. Manchmal, besonders, wenn ich die Worte jener lese, die stärker sind als ich, fühle ich, dass alles okay sein wird. Die Geschichte hat ein neues Blatt gewendet. Ich muss mich einfach nur bemühen, aufzuholen und eins zu werden mit Gottes Willen.

Aber manchmal dreht sich mir einfach der Magen um, was mir nicht erlaubt, zu essen und zu schlafen. Ich beschwere mich nicht. Es ist erträglich und wird mit der Zeit verschwinden. Es ist normal, wenn ein geliebter Mensch stirbt.

Ich glaube, Sri Chinmoy hat in seinen letzten Tagen viele Botschaften diktiert. In meinem Fall dankte er mir für meinen Dienst und sagte, dass er für meine Gesundheit beten würde. Ich verstand dies als diplomatischen Weg, um zu sagen, "Stürze dich nicht in den Fluss, wenn du von meinem Tod erfährst!"

Sri Chinmoy stand für Leben – strebendes Leben, umwandelndes Leben, das Leben eines baumgrünen Waldes, das Leben des Herzens.

Während der ersten zwei Tage war alles wie ein dunkler Tunnel. Aber jetzt, so hoffe ich, habe ich alles aus mir herausgeschrieben. Nun ist alles, wie ein dunkler Himmel, der noch mehr Regen bringen könnte oder vielleicht mehr Klärung. Egoistischerweise bete ich für Klärung. Aber nicht nur für mich selbst, sondern auch für all meine Freunde des Sri Chinmoy Centres – Leute, die ich liebe, aber nicht immer weiß, wie ich mich ihnen gegenüber ausdrücken soll.

Für diejenige, die spirituell reifer sind und nicht trauern, scheinen meine Abschweifungen verdrießlich zu klingen. Bitte verzeiht mir. Ich schreibe, damit das Nagen verschwindet, und in der Hoffnung, dass andere, denen es ähnlich geht, wissen, dass sie nicht alleine sind.

Als Schriftsteller interessiert es mich, warum ich an einem Ort beginne, wenn ich weiß, dass ich an einem anderen beenden muss. Oft gibt es einen inneren Grund dafür.

Dies ist mein poetischer Tribut für Sri Chinmoy. Die Gedichte sind nicht neu (außer dem letzten). Ich habe sie über einen längeren Zeitraum, über mehrere Jahre hinweg, geschrieben. Aber wenn ich sage, ich habe sie geschrieben, dann ist das nicht ganz wahr. Ich hatte dabei sehr viel Hilfe. Sri Chinmoy war mein Schreibpartner. Manchmal hatte ich das Gefühl, ich würde ein Diktat schreiben. Und wenn ich das Gedicht später las, war es eines von seinen Gedichten.

Ich bin nur ein "verrückter" Dichter, so könnt ihr sicher verstehen, wenn ich sage, dass Sri Chinmoy mein bester Freund war im Leben, und dass ich im Moment nicht weiß, wie ich ohne ihn leben soll?


Warum?

"Warum hat der Ozean gewählt,
Sein Herz zu behalten?
Weil er All-Liebe ist.

Warum verneigen sich die Sterne vor ihm?
Weil er über ihnen fliegt.

Warum überantworten sich ihm die Planeten?
Weil er All-Unendlichkeit ist.

Warum hält Mutter Erde ihn nicht auf?
Weil sie seinen Selbstüberschreitungs-Baum liebt.

Warum bin ich ganz allein im Meer der Hilflosigkeit?
Weil ich vergessen habe, völlig vergessen habe -
Sein Mitleids-Lächeln ist Glückseligkeit."


Festtag

"Heute ist ein Festtag.
Inmitten prunkvollen Lichtes, Farben und Musik
Wird mein Herr Krishna in einer Sänfte getragen.
Sein Gesicht, so unglaublich schön, so unglaublich
blau.
Der Held aller Geschichten,
Der geheime König eines ewigen Spiels ...
Wahrlich, mein Herr, sie sollten Dich aus der Stadt
heraus tragen,
Denn hier sind alle Dinge wohl geordnet, alles
geschieht zu seiner Zeit.
Jedoch Deine große Liebe hält jeden fern von seinen
Pflichten.

Der weise Mann sitzt in seinem Sessel,
Ein Buch nach dem anderen lesend
Und auf die Weise, wie ein Tier sein Territorium
markiert
Hinterlässt er auf jeder Seite sein Zeichen des
Zweifels.
Ich bin froh, ein Dummkopf zu sein,
Sonst wäre ich nicht hierher gekommen
Um Deiner Flöte zu lauschen,
Die entweder wunderschön klingt,
Oder den hässlichsten Ton hervorbringt, den ich
jemals gehört habe.

Es ist gut, dass Du manchmal einen falschen Ton
spielst
Wie ein Kind auf einer Blechpfeife.
Dieses Fest ist nicht für Ästheten und Snobs!
Wenn Du einen hässlichen Ton spielst,
Zerspringt mein Herz
Und mir wird praktisch schwindelig vor Freude.

Niemand kann Dich ergründen.
Du gibst den Brahmanen ihre Reinheit,
Den Ästheten ihren Staub,
Den Mädchen ihre melkenden Hände
Und den schelmischen Kindern ihre Streiche.

Du bist still und formlos
Niemals in diese Welt geboren;
Und doch bist Du dort
Neben dem Mann mit der großen Bass-Trommel.
Ich bin sprachlos in Deiner Anwesenheit
Und kann nur mit gefalteten Händen zuschauen,
Wie Du in der Sänfte an mir vorbeikommst."


Vater und Sohn

Vater, ich habe geglaubt, ich muss allein durch die
Wüste gehen, um Dich zu erreichen, und ich habe nicht
den Mut dazu.

"Sohn, bleib wo du bist! Ich werde meine Arme
ausstrecken und dich umarmen."

"Vater, wie kann es sein, dass Du einen so faulen
Feigling wie mich, lieben kannst?"

"Sohn, unterschätze deine Fähigkeiten nicht.
Unterschätze nicht Mein Mitleid."

"Vater, ich fühle es! Seltsam, aber wahr ... Mein
winziger Versuch hat Dich zufriedengestellt."

"Sohn, ich bin zufrieden, weil du vorwärts gehst und
nicht rückwärts. Ich bin zufrieden, weil dein Herz
für Mich schlägt.

Ich bin zufrieden, weil ich weiß, dass sich dein
Verstand eines Tages Mir übergeben wird, dein Vitales
wird um Mich bestrebt sein, und dein Körper wird für
Mich arbeiten."

"Vater, wann werde ich Dich wirklich
zufriedenstellen, nicht nur mit meinem Herzen,
sondern mit allen Mitgliedern meiner Familie?

"Wenn ..."

"Vater?"

"Wenn ..."

"Vater?"

"Wenn ..."

"Genug, Vater! Es scheint, Du kannst den Satz nicht
beenden. Deshalb werde ich ihn für Dich beenden: Wenn
ich mein inneres und äußeres Leben völlig Dir
gewidmet habe.

"Sohn, du weißt, dass ich von deiner Strebsamkeit
abhängig bin."

"Vater, Du weißt, dass ich von Deiner Gnade abhängig
bin."

"Dann werden wir uns gegenseitig erfüllen."

"Vater, ich liebe Dich. Wo immer ich bin, ich werde
an Dich denken."

"Sohn, ich brauche dich. Wo immer du bist, ich werde
bei dir sein."


Der Undankbare

"Mein Herr, ich glaube, ich liebe Dich."

"Warum liebst du mich mein Sohn?"

"Ich liebe Dich, weil, selbst als ich schroff, grob
und unfreundlich war, hast Du etwas in mir gesehen.
Im Geheimen nährtest Du meine Seele und zeigtest mir
ein besseres Leben."

"So, mein Sohn, du bist nicht länger schroff, grob
und unfreundlich?"

"Ach, mein Herr, ich bin immer noch schroff, grob und
unfreundlich, aber ich fühle, wie sich in mir etwas
ändert. Ich hoffe, dass ich eines Tages durch Deine
Gnade wahrlich gut sein werde."

"Nicht nur durch meine Gnade, sondern auch durch
deinen ständigen Versuch wirst du ein höchst gütiger
Mensch werden. Es ist vorbestimmt. Doch halte die
Bestimmung nicht durch Eigenwilligkeit zurück."

"Mein Herr, Du weißt, dass Menschen oft ihre eigene
Unwissenheit Deinen unschätzbaren Geschenken von oben
vorziehen. Ich fühle manchmal, dass ich zu Dir laufen
möchte. Aber wenn ich nicht laufen kann, dann werde
ich gehen.
Und wenn ich nicht gehen kann, dann werde ich
kriechen. Und wenn ich nicht kriechen kann, werde ich
Dich zögernd bitten, mich zu tragen."

"Mein Sohn, ich habe dich getragen und ich werde dich
tragen, aber laufe nicht, gehe nicht und krieche
nicht. Fliege, fliege zu mir mit den Schwingen deiner
Seele. Die Stunde hat geschlagen, ich warte auf
dich."

"Mein Herr, ich weiß nicht, wann ich zu Dir kommen
kann. Aber wenn ich es tue, dann werde ich auf alle
Fälle meine lebenslange Unwissenheit zu Deinen Füßen
legen."

"Mein Sohn, zögere nicht. Mein Mitleid hungert nach
dir. Es scheint, als hättest du all die Last der Erde
auf deine Schultern geladen. Nur mein unendliches
Mitleid kann deine andauernde Krankheit heilen."

"Mein Herr, wieviele Dornen hast du allein in diesem
Leben von mir genommen? Und doch esse ich Dornen
immer und immer wieder."

"Unwissenheit ist eine schwere Krankheit, die sehr
lange dauert. Aber verglichen mit göttlicher Liebe
ist sie schwach.
Und verglichen mit der Breite der Ewigkeit, ist sie
flüchtig."

"Mein Herr, wann werde ich Dich wiedersehen?"

"Es kann lange dauern oder sehr schnell gehen. Es
wird schnell gehen, wenn du dich an mich erinnerst,
an mich denkst, meinen Namen nennst und aus deinem
Leben eine Girlande der Dankbarkeit machst."

"Mein Herr, ich danke Dir. Ich weiß nicht, wann ich
Dich wiedersehen werde."


Die Stimme der Seele

"Mein Herr, es scheint, Du bist heute schweigsam."

"Mein Herr, ich rufe Dich, aber Du antwortest nicht."

"Mein Sohn, mein Körper ist müde. Er ist ganz leblos.
Von nun an musst Du auf Meine Seele hören."

"Mein Herr, wie kann ich auf Deine Seele hören?"

"Indem du still wirst, still, still, still –
totenstill. Und indem du dich verneigst."

"Mein Herr, wie wirst Du mit Deiner Seele zu mir
sprechen?"

"Ich werde mit Licht zu dir sprechen."

"Ich kann es nicht glauben, nie wieder werde ich
Deine Stimme hören?"

"Meine menschliche Stimme hast du tausende Male
gehört, aber hast du zugehört?"

"Vater, tausende Male habe ich Deine Stimme gehört
und gewürdigt."

"Aber hast du mir *zugehört*?"

"Vater, ich schäme mich, es zuzugeben, ich habe
zugehört, aber ich habe Dir nicht gehorcht."

"Sohn, heute hast du einen neuen Lehrer: die Stimme
meiner Seele. Bitte versuche, ein besserer Schüler zu
sein."

"Vater, von heute an hast Du einen neuen Schüler: die
Dankbarkeit meines Herzens. Es ist das beste Mitglied
meiner Familie."

"Sohn, zusammen mit der Dankbarkeit deines Herzens
und der Stimme Meiner Seele werden wir ein neues
Blatt für die Menschheit wenden. Ist das nicht eine
gute Idee?"

"Vater, die Menschheit hat sich nach jemandem
gesehnt, der das Blatt menschlichen Leidens,
menschlicher Unwissenheit, menschlichen
Missverständnisses wendet. Aber ach, mit Deiner
menschlichen Stimme ist es Dir nicht gelungen."

"Sohn, zuerst muss dein Dankbarkeits-Herz auf die
Stimme Meiner Seele hören. Dann, wenn du mit
Inspiration, Strebsamkeit und Widmung durchdrungen
bist, wirst du ein neues Blatt für die Menschheit
wenden."

"Vater, nein! Du musst das Blatt wenden. Du verdienst
das Recht, und Du hast die Fähigkeit."

"Sohn, ich habe meine Rolle gespielt. Ich gebe dir
die Fähigkeit. Es ist nicht dein Recht, sondern deine
Pflicht, das Frustrationsblatt der Menschheit zu
wenden."

"Vater, was werde ich finden, wenn ich das
Frustrationsblatt der Menschheit gewendet habe?"

"Du wirst das Strebsamkeits-Notizbuch der Menschheit
finden."

"Vater, wieviele Seiten hat das
Strebsamkeits-Notizbuch?"

"Ich weiß es nicht, mein Sohn. Ich habe sie nie
gezählt. Nur du kannst so etwas."

"Vater, hat das Strebsamkeits-Notizbuch jemals ein
Ende? Was werde ich dort finden?"

"Sohn, du wirst die Verwirklichungs-Enzyklopädie des
Höchsten finden."

"Wieviele Bände hat die
Verwirklichungs-Enzyklopädie?"

"Mein Sohn, nur einen Band."

"Nur einen Band? Vater, es ist einfach, die
Verwirklichungs-Enzyklopädie des Höchsten zu lernen."

"Sohn, es ist nur ein Band, aber er hat keinen Anfang
und kein Ende."

"Vater, ich bin so froh, dass Du mir die Fähigkeit
gibst, das Frustrations-Blatt der Menschheit zu
wenden."

"Sohn, ich bin so froh, dass du mir in meinem hohen
Alter Schweigens-Ruhe gewährst."

"Vater, heute ist ein besonderer Tag. Es beginnt das
Jahr Eins A.C. – After Chinmoy. Deshalb habe ich
einen besonderen Wunsch."

"Sohn, was ist dein Wunsch?"

"Ich bete dafür, dass Du noch einen Tag länger mit
Deinem physischen Körper bei uns bleibst, in all
seinem Frieden, seiner Heiligkeit und seiner
Reinheit."

"Sohn, gewährt."

"Vater, ich danke Dir. Deine Stimme war von
außerirdischer Schönheit. Die Stimme Deiner Seele
höre ich zum ersten Mal. Deine Schweigens-Stimme ist
ein transzendentales Mysterium."


(verfasst auf dem Aspiration-Ground, 16. Oktober 2007)

Michael Howard


Übersetzt von Doris Cott

Die englische Orginalfassung: Tribute to Sri Chinmoy by Michael Howard